Die Freiheit der Gedanken, der eigenen Meinung und die Möglichkeit, diese Gedanken und Meinung frei äußern zu können, sind ein hohes Gut. Ein Gut, über das man sich oft genug ärgern muss, wenn wieder irgendwo im Internet jemand kompletten Schwachfug behauptet (wir weisen hier im Blog oft genug darauf hin) – aber ein Gut, das wir vielleicht oft nicht hoch genug schätzen.*
Zu dieser Freiheit der Gedanken zählt im Speziellen auch die Haltung zur Existenz eines oder mehrerer Götter bzw. welche davon die echten sind. Genau wie die Frage, welche Farbe man am liebsten mag oder ob man lieber Frucade oder Eierlikör möchte, ist es eine Frage, die man nur für sich selbst beantworten kann.
Religiöse Verfolgung wird zumindest in unserer westlichen Gesellschaft geächtet, aber wie sieht es mit den Atheisten aus? In dem am Tag der Menschenrechte erschienenen Report “Freedom of Thought” wird der Frage nachgegangen, wie es eigentlich mit der Meinungsfreiheit für die Gruppe der Glaubenslosen aussieht.
In dem 72-seitigen Dokument werden die Gesetze aus 60 Ländern betrachtet und eine Menge an Fällen aufgezählt, in denen Atheisten wegen ihrer Vorstellungen verfolgt wurden. Dabei wird erklärt, dass sowohl durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Paragraph 18 (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) als auch Paragraph 19 (Meinungsfreiheit) atheistische und humanistische Weltbilder geschützt werden.
Bei Paragraph 18 denkt man ja zuerst an Religionsfreiheit, aber wie durch einen Zusatz zur Erklärung klargestellt wird, sind darin auch atheistische Glaubensgrundsätze eingeschlossen:
Article 18 protects theistic, non-theistic and atheistic beliefs, as well as the right not to profess any religion or belief. The terms “belief” and “religion” are to be broadly construed. Article 18 is not limited in its application to traditional religions or to religions and beliefs with institutional characteristics or practices analogous to those of traditional religions.
Das Recht, Religionen zu kritisieren, wird durch Paragraph 19, das Recht auf freie Meinungsäußerung, gewährt. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass Religionen keine Rechte haben. Nur Menschen haben Rechte. Dadurch gibt es keinen Konflikt zwischen diesen beiden Paragraphen, wie oft behauptet wird.
Laut einer Umfrage macht die religiöse Bevölkerung weltweit 59% der Menschheit aus, aber weitere 23% bezeichnen sich als “nicht religiös” und 13% betrachten sich als Atheisten. Seit 2005 haben die Religionen 9% verloren und die Atheisten 3% gewonnen, was auf bessere Ausbildung und höheres Einkommen zurückgeführt wird. Atheisten machen also einen nicht unbeträchtlichen Teil der Weltbevölkerung aus.
Viele Länder verfolgen und diskriminieren allerdings Menschen, die religiöse Zweifel äußern, gleichwohl ob diese sich zum Atheismus bekennen oder nicht. Das Stichwort, das 2012 in den Medien sehr präsent war, ist dabei Blasphemie und verstärkt wird diese auch im Internet geahndet. Während es in den Jahren von 2007 bis 2011 nur 3 Fälle religiöser Verfolgung aufgrund blasphemischer Social Media Statements (Twitter, Facebook, etc.) gab, wurden 2012 mehr als ein Dutzend Menschen deswegen angeklagt.
Bekanntestes Beispiel ist dabei wohl das Youtube-Video “Innocence of Muslims”, da es wegen des Videos in 17 Ländern Ausschreitungen gab, bei denen fast hundert Menschen ums Leben kamen. Im Zusammenhang mit dem Video wurden in Ägypten 8 Menschen wegen Blasphemie zum Tode verurteilt, wobei diese nicht in Ägypten leben und wohl kaum ausgeliefert werden.
Blasphemie über das Internet zu verurteilen wird vor allem in muslimischen Ländern praktiziert, wobei die Autoren des Reports anmerken, dass sich auch in diesen Ländern atheistische Gruppen bilden. Es gibt mittlerweile atheistische Facebook-Gruppen in Afghanistan, Algerien, Ägypten, Indonesien, Jordanien, Iran, Irak, Lybien, Malaysia, Pakistan, Tunesien, der Türkei und im Sudan sowie einige generelle arabischsprachige, atheistische Gruppen.
Als besonderes Beispiel wird Pakistan erwähnt, wo Dr. Younus Shaikh 1992 eine Rationalistenorganisation gründete. Er wurde der Blasphemie angeklagt und zum Tode verurteilt. Während seiner Jahre in der Todeszelle beschäftigte er sich mit islamischem Recht und es gelang ihm, das Urteil zu kippen. Danach musste er fliehen, weil eine Fatwa gegen ihn verhängt wurde. Im Mai 2012 sperrte Pakistan den Zugang zu Twitter wegen “blasphemischen Inhalts”.
Die angebliche Blasphemie eines geistig behinderten Mädchens machte auch bei uns Schlagzeilen. Dennoch gibt es auch für Pakistan mittlerweile eine aktive, atheistische Facebook-Gruppe.
Online-Medien sind ein wichtiges Instrument für die Öffnung der Gesellschaft und erlauben es, sich frei zu äußern. Allerdings nicht immer ohne Gefahr, wie das Beispiel von Alexander Aan zeigt. Der 30-Jährige wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er auf Facebook schrieb, dass Gott nicht existiere. Inzwischen ist er zum Islam konvertiert. Die liebevolle Behandlung und die Aussicht, bis zu 11 Jahre im Gefängnis zu verbringen, hatten damit sicher nichts zu tun.
Im restlichen Dokument werden Fälle aus aller Welt geschildert, in denen Menschen wegen ihrer Äußerungen zu Religionen Probleme bekamen. In Europa sind die Vorfälle zumeist geringerer Natur, dennoch kommen sie auch bei uns vor. Dabei sollten entsprechende Paragraphen eigentlich längst abgeschafft sein.
Zum Schluss noch ein Hinweis für Österreich: Dem Kirchenvolksbegehren fehlen nur noch 100 Unterschriften (in Worten: EINHUNDERT), die bis zum Jahresende abgegeben werden müssen. Es geht bei dem Volksbegehren darum, die Kirchenprivilegien abzuschaffen. Jede Stimme zählt also.
* Hier sei noch kurz darauf hingewiesen, dass dies nicht das Recht auf eine eigene Realität impliziert und weiters noch ein Link zum Thema Beschneidung gesetzt.